Eine neue Glocke für das historische Glockengeläut

Die acht Läuteglocken sowie die zwei Uhrschlagglocken des Merseburger Doms bilden eines der bedeutendsten historischen Geläute in Deutschland. Es handelt sich um ein klanglich bemerkenswertes Ensemble von unverwechselbarem Reiz. Die Vielzahl an mittelalterlichen Glocken ist in der Region einmalig. Doch der ursprüngliche Glockenbestand war einst größer: Drei Glocken sind den Wirren der Geschichte zum Opfer gefallen. Nun soll das historische Glockengeläut des Merseburger Doms durch eine neue Glocke ergänzt und entlastet werden. Anlässlich des Festjahres „Geweiht für die Ewigkeit. 1000 Jahre Weihe Merseburger Dom“ soll die neue Glocke ermöglicht werden und am Weihetag, dem 1. Oktober 2021, im Rahmen der Feierlichkeiten zur Domweihe vor 1000 Jahren, geweiht werden.

Neue Glocke in g'

Die neue Glocke wird sowohl eine klangliche Lücke schließen als auch das historische Geläut entlasten. Sie wird einen Durchmesser von 1108 mm haben und ein Gewicht von ca. 890 kg. Ihr Ton ist das eingestrichene G (g‘). Der Ton wurde so gewählt, dass sie sich harmonisch zu den beiden Großglocken des Merseburger Doms (Benedicta in es‘ und Clinsa in f‘) fügt. Sie besteht aus einer Kupfer-Zinn-Legierung. Von den historischen Glocken des Merseburger Doms wurde im Vorfeld bereits eine Materialprobe genommen, um nun die genaue Zusammensetzung der historischen Glocken zu bestimmen. In Zukunft soll die Glocke dreimal am Tag läuten und so maßgeblich zu einer Entlastung der historischen Glocken beitragen.

Die Glocke ziert ein Vers aus Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“: „Friede sei ihr erst Geläute“. Auch die Hauptheiligen des Merseburger Doms, Laurentius und Johannes der Täufer, sind auf der Glocke abgebildet. Als Vorbild für die Darstellung der beiden Heiligen diente ein Siegelstempel aus dem frühen 13. Jahrhundert, der bis ins 18. Jahrhundert vom Merseburger Domkapitel genutzt wurde. 

Tradition trifft Moderne

Bei der Herstellung der neuen Glocke trifft Tradition auf Moderne. Als Vorbild dient die Glocke Maria aus der Wenzelskirche in Naumburg, die 1518 von dem Freiberger Gießer Martin Hilliger gegossen wurde. Der Klang dieser Glocke fügt sich besonders gut in die Klänge der vorhandenen Domglocken ein. Die Glockendynastie der Hilliger goss von der ersten Hälfte des 15.  bis zum 18. Jahrhundert in Freiberg Glocken. In Anlehnung an diese Glockendynastie gründete sich im Jahr 2014 der Hilliger e. V. in Freiberg. Über die Vermittlung des Vereins konnten die Vereinigten Domstifter das Sächsische Metallwerk Freiberg als Auftragnehmer für den Guss der neuen Glocke gewinnen.

Der Hilliger e. V. Freiberg wird für das Glockengussverfahren moderne Techniken verwenden, die das traditionelle Handwerk in das 21. Jahrhundert führen. Mittels computergestützter Technik wird eine digitale Glockenform erstellt. Die Form der Marienglocke aus Naumburg, deren Klangaufbau für die neue Glocke dienen soll, wurde im Vorfeld mittels eines 3D-Scanners aufgenommen. Daraus wurde ein digitales Glockenmodell erstellt. Dieses dient als Grundlage für die Herstellung der Glockengussform für die neue Glocke.

Förderer

Die Finanzierung der neuen Glocke über 50.000 € kann dank der großzügigen Unterstützung der Friede Springer Stiftung garantiert werden. 

Glockenguss am 25. Juni 2021 im Sächsischen Metallwerk Freiberg

Am Freitag, den 25. Juni 2021, versammelten sich alle Projektbeteiligten in der großen Werkhalle des Sächsischen Metallwerks Freiberg: die Stifterin Friede Springer von der Friede Springer Stiftung, das Domkapitel sowie die Verwaltung der Vereinigten Domstifter, der Hilliger Verein Freiberg, die Domgemeinde des Merseburger Doms, die Oberbürgermeister der Stadt Freiberg sowie der Stadt Merseburg. Ein Glockenguss ist auch heute noch etwas Besonderes – das war deutlich zu spüren.

In der Zeremonie zum Glockenguss trafen kirchliche Traditionen auf die Bergwerktraditionen Freibergs. Eine Glocke wird traditionell an einem Freitag um 15.00 Uhr, der Sterbestunde Jesu, gegossen. Regionalbischof Schneider, Sprengel Halle-Wittenberg, sprach das Gebet, alle Projektbeteiligten hielten Ansprachen, die Zeremonie begleitete die Bläsergruppe des Bergmusikkorps Saxonia Freiberg.

Um 15.00 Uhr war es dann soweit: Die auf 1.100 °C erhitzte Kupfer-Zinn-Legierung wurde in die vorbereitete Form gegossen.

Große Erleichterung und Freude, als die heiße Bronzemasse erfolgreich in die Form gegossen worden war. Mit dem „Steigerlied“ endete die Zeremonie. Nun muss die Glocke mehrere Tage abkühlen und im Anschluss aus der Form geholt werden. Erst dann kann abgeschätzt werden, ob der Guss wirklich erfolgreich war.

Am Mittwoch, den 30. Juni 2021, konnte die Glocke vom Glockensachverständigen der EKMD geprüft werden. Der gewünschte Ton, das gestrichene G, wurde erreicht. Die Glocke kann so das Glockengeläut im Merseburger Dom ergänzen. 

Glockenweihe am 1. Oktober 2021

Zum Beginn des Festwochenendes am 1. Oktober 2021, wurde die Friede-Glocke, angelehnt an den historischen Weihetag des Doms im Jahre 1021, geweiht. Ein wahrlich historisches Ereignis, denn vor knapp 500 Jahren, im Jahre 1538, wurde das letzte Mal eine Glocke für den Merseburger Dom geweiht. 

Eine Festprozession zieht ab zog in historischen Kostümen vom Marktplatz zum Domplatz. Mit dabei auch zahlreiche kleine „Bischöfe“, die ihre selbst gestalteten Mitren präsentierten.

Auf dem Domplatz fand die ökumenische Glockenweihe mit Regionalbischof Johann Schneider und seinem katholischen Amtskollegen Propst Gregor Giele aus Leipzig in Anwesenheit des Domkapitels, der Friede Springer Stiftung und allen Merseburgerinnen und Merseburgern statt. Einer jahrhundertealten Tradition folgend, konnte die Glocke das Wochenende über von allen Interessierten gegen eine symbolische Spende auf dem Domplatz angeschlagen werden.

Die Friede-Glocke kommt in den Glockenstuhl, 13. Oktober 2021

Wie kommen 890 Kilo Glocke hinauf in den Glockenstuhl? Mit einem Kran, Winden, einem ausgebauten Fenster, Gerüsten im Glockenstuhl und trotz all der Hilfsmittel auch immer noch allerhand Muskelkraft wurde die Friede-Glocke in den Glockenstuhl hinaufbefördert. 

Die Vorbereitungen für die Aufhängung müssen nun noch getroffen werden: Das Joch muss eingebaut werden, worin die Glocke dann eingehängt wird. Auch muss der Klöppel noch angebracht werden. Zum Reformationstag am 31. Oktober soll die Friede-Glocke erstmals läuten.